Funny. Gestern war ich peak 3200 € im privaten Depot im Plus. Reduzierte hier und da Positionen und als der Markt das typische Reversal startete, landete ich für den Rest des Tages bei 2100 € Profit. Das war gut. Funny war jedoch, dass ich mir den Tag über überlegte, mmh, warum halte ich eigentlich noch die 100 Aktien ORCL, wenn ich eigentlich den ganzen Profit mit den Optionen mache? Die Aktien blockieren nur die 16k, die dazu noch anfällig für Drawdowns sind. Warum halte ich im privaten Depot überhaupt Aktien? Ah, ja, weil ich mehr das EinTrickPony kopieren wollte. Fakt ist aber, dass mein privates Depot einen anderen Charakter hat. Allein auch deshalb, weil ich es auf -36k mit Optionen runtergehandelt habe. Zeit. Die allein mit Aktien innerhalb der nächsten Wochen zurückzuholen, grenzt an Unmöglichkeit. Zudem handle ich mein privates Depot bei Trade Republic. Die hat zwar einige Fehler und lässt keine Charteinblicke zu, verleitet somit eigentlich zu Fehlentscheidungen, aber dafür sind die Gebühren klein und das Angebot groß. Es ist wie mit einem Partner. Wenn man einmal die Fehler kennt, ergibt es manchmal mehr Sinn, mit den Fehlern zu arbeiten, als sich mit den unbekannten Fehlern des Unbekannten auseinanderzusetzen, nur um das alte Fehlersystem zu vermissen. Fuck it, die Fehler der App haben mich damals nicht gehindert, 15k in vier Wochen zu machen, also sind die kein Grund, nicht dort weiterzumachen. Und für alles andere gibt es TradingView.
Das EinTrickPony hat das Problem nicht. Kein Verlust, kein Drang, irgendwas wiederzuholen. Außerdem muss ich da meine Trades für meinen Steuerberater im Rahmen halten.
Im privaten Depot bewege ich mich agil wie eine Gazelle, wechsle die Seiten wie der Markt sich gibt, rein, raus, keine Sesshaftigkeit. Als ich dort mehr auf Aktien setzte, habe ich de facto mehr verloren, weil ich behäbiger wurde. Zum einen binden Aktien mehr Kapital, und da ich mein privates Depot zeitweise verkleinern musste, habe ich damit noch weniger Spielraum. Mit zwei 100-Aktien-Positionen bin ich schon voll eingespannt. Zum anderen bin ich mit Aktien irgendwie weniger im Rein-Raus-Modus, bleibe zu lange sitzen und päng, werde runtergezogen, muss auf Hopium setzen, weil ich kein Dry Powder mehr habe. Nachdem Martin Shkreli sein Depot komplett gesprengt hat, kann ich ihm guten Gewissens zustimmen und widersprechen.
Ja, er hat recht, wenn man nur ein kleines Depot hat, d.h. unter 20k, dann sollte man nicht traden. Lege mit einem festen Sparplan in einen Index an und vergiss dein Depot und fokussiere dich auf deinen 9-5. Gleiches sollte man tun, wenn man ein großes Depot hat. Grundsätzlich sollte man niemals tun, was ich mache.
Aber: Wenn man sich mit dem 9-5 den Arsch abgearbeitet hat, um ein kleines Depot aufzubauen und um jeden Preis aus dem Rattenrennen gegen die Geldpresse ausbrechen will, dann, naja, dann sollte man jeden verdammten Euro traden, der einem die Flucht aus diesem offenen Vollzug ermöglichen könnte. Und wenn es nur die Hoffnung auf den Ausbruch ist, denn immerhin hält einen die Hoffnung am Leben. Was sonst bleibt, ist ein Rentenalter als gebrochene Person.
Das gilt nicht für jeden, viele sind völlig cool mit langweiliger Konformität, weil es Sicherheit gibt. Wer aber mehr will, der muss wagen. Allerdings ist es sehr wahrscheinlich, dass der Weg raus mit vielen Fehlschlägen verbunden ist – ich bin hier ein gutes Beispiel mit meinen -36k (die es seit gestern übrigens nicht mehr sind). In meinem Fall ist das Schlimmste an den Fehlschlägen und Verlusten die Selbstzweifel, die in den Momenten der Schwäche alles versuchen, um das Misstrauen in sich selbst zur Dominanz zu führen. Und ich bin Verluste gewohnt. Meine ersten 30 Jahre bestanden im Grund nur aus Niederlagen und Enttäuschungen. Der Aktienmarkt zeigte mir aber nochmal einen ganz anderen Schmerz. Ich bin kein Teenie, der das Geld zockt, das ihm seine Eltern angespart haben. Ich habe meine Depots im wahrsten Sinne mit den eigenen Händen erarbeitet, habe Frau und Kind zu versorgen, plus Unterhalt für mein erstes Kind zu zahlen. An meinen Trades hängen somit Existenzen, das hier ist keine Spaßveranstaltung. Wenn man also -36k verbrennt, plus die 5k auf einem anderen Depot, auf dem ich noch mehr High Risk à la YOLO eingegangen bin, dann kommen Fragen auf. Nicht einmal von meiner Frau, die in meinen dunkelsten Momenten mehr an mich glaubt als ich selbst. Nein, in dieser Hinsicht habe ich einen grandiosen Rückhalt. Es sind die Fragen, die ich mir selbst stelle. Oder die Stimmen, die in mir herumcreepen, wenn ich die Zügel verloren zu haben scheine. Bist du nur ein Spielsüchtiger, der die Maske eines Traders trägt, um sich und seiner Familie etwas vorzumachen? (Auf die Bezeichnung Investor habe ich per se keinen Anspruch.) Lässt du deine Familie für deine Spielsucht im Stich?
Hmm, bei einem solchen Verlust ist es schwierig, gute Argumente zu finden, die diese Anschuldigungen entkräften. Aber dann ist da noch das EinTrickPony, das zeigt, dass ich es kann. Oder die 15k in einem Monat auf dem privaten Depot? Glück? Vielleicht, aber ich habe die Trades festgehalten und rückblickend muss ich mir eingestehen, dass ich da nicht immer irrational gehandelt habe, sondern teilweise fast schon über Wasser gelaufen bin.
Wie auch immer, ich habe es geschafft, die Selbstzweifel in den letzten drei Monaten auf Abstand zu halten. Ich bin da unten zwischen -36k und -31k herumgegondelt, aber ich bin nicht weiter nach unten gerutscht. Ich habe drei Wochen gebraucht, um von -1k auf -36k zu rauschen. Warum habe ich es in drei Monaten nicht geschafft, die -40k zu knacken? Hmm, vielleicht, weil ich da unten etwas gelernt habe? Technik und Dinge über mich selbst? Bin ich vielleicht sogar ein besserer Trader als im Juli/August, als ich die 15k machte?
Es ist jedenfalls so, als hätte ich in den letzten Monaten den Schlüssel gesucht, den ich am 18. August verloren habe, als ich mit meinen übertriebenen Calls für TSLA und PLTR auf einen Schlag 10k verloren habe – die, hätte ich etwas länger gehalten, einen enormen Profit ergeben hätten. Und bei der Suche habe ich einen besseren gefunden als der alte. Einen, der auf viel mehr Türen passt als der alte. Eine noch bessere Metapher: Vorher habe ich mit einem Bolzenschussgerät einfach die Schlösser aufgeballert, jetzt habe ich einen Lockpicker, mit dem ich feinfühlig die einzelnen Stifte der Schlösser knacke.
Whatever, ich bin etwas ausgeufert. Was ich eigentlich berichten wollte: Ich habe meine 100 Aktien gestern verkauft und dafür 1000 weitere Anteile meiner Call-Option für ORCL gekauft. Allerdings habe ich verpennt, dass die Call-Option nicht wie mein long K.O. einfach ein Verhältnis von 0,1 hat, also bei 1000 Anteilen 100 Aktien abbildet, sondern dazu noch ein Delta von 0,44 hatte, was das Verhältnis auf 44 % reduziert. Mit 1000 Anteilen habe ich also die Power von nur 440 Aktien. Grund war vor allem die Zinsentscheidung der Bank of Japan. Klar, die Erhöhung war eingepreist, aber der Outlook hätte für einen weiteren Ausverkauf sorgen können. Darauf wollte ich vorbereitet sein, d.h. mit Cash, das mich handlungsfähig macht. Und statt 16k in Aktien zu halten, hielt ich nur ein Zehntel in einer Option – unwissend, dass ich eigentlich meine Power um mehr als die Hälfte reduziert hatte. Tja, und dann poppt ORCL über Nacht natürlich durch den Deal mit TikTok bzw. ByteDance. Somit habe ich knapp 600 € zusätzlichen Gewinn verpasst. Klar, ich wachte dennoch mit 2000 € Profit auf, da ich 2000 Anteile dieser Option hatte, dazu 1000 Anteile vom long K.O. Dazu kam HOOD wieder ins Plus, nachdem es gestern nach meinem Wiedereinkauf noch weiter fiel. Meine NVDA Call-Optionen kamen auch etwas hoch. Aber die Ironie mit dem Aktienverkauf kurz vor den News, obwohl ich die seit den Earnings gehalten habe, ist dennoch erwähnenswert.
Wie auch immer, ich verkaufte meine ORCL-Positionen heute in der Vorbörse, weil ich dem Sprung nicht vertraue. Und naja, selbst bei der kleinsten Euphorie verkaufe ich halt, weil das nur die Liquiditätsakkumulation der Market Maker ist. Sie kaufen auf Gerüchte oder News, bis Retail-Investoren FOMO packt, die ebenfalls einsteigen und sich dadurch zu den Bagholdern von Smart Money machen. Wenn nämlich genug Retailer-Geld in der Aktie oder Sektor ist, dann drehen die Algos auf Verkauf. Und die verkaufen gnadenlos, sodass die Retailer gar nicht verstehen, warum alles zusammenstürzt und nur darauf hoffen können, dass es gleich wieder hochgeht. Geht es auch, weil etwas geduldigere Retailer nun einsteigen. Doch die reihen sich nur in die Schlange der Bagholder ein, und nach der vermeintlichen Erholungskurve nach oben, geht es noch weiter runter. Keine Ahnung, ob das genau so der Fall ist, da ich keinen direkten Einblick habe, jedoch ist das meine Erklärung aufgrund von Beobachtung und Stöbern auf X. Gleiches erwarte ich auch heute. Der kleine Hype wird wieder verkauft. Entweder geht es bei Eröffnung steil nach oben und dann steil nach unten, oder es geht direkt runter, damit es später wieder hochgeht. Da ich nicht herausfinden will, was es ist, während ich mit meinen Eiern drin bin, habe ich meine Positionen bis auf NVDA-Call und TSLA-Put veräußert. Dafür bleibe ich im EinTrickPony-Depot sitzen. Da habe ich den Verlust bei ORCL und CRWV nur reduziert (von -1,5k pro Position auf -700 €). Irre ich mich, dann geht das Depot immerhin weiter nach oben. Liege ich richtig, werde ich meinen Tagesgewinn auf dem privaten Depot entweder erhöhen (TSLA Put wird grün und dann verkauft) oder zumindest meine Positionen weiter unten wieder einnehmen, um vom nächsten Pop zu profitieren. Aber sachte, damit ich nicht wieder zu sehr runtergezogen werde, falls heute die Erleichterung über die BOJ-Entscheidung doch zum Blutbad wird.
Und gerade eben kam vom WSJ eine positive Artikel rein. Das riecht nach Top, aber ich werde jetzt nicht aus Reflex meinen Put vergrößern. Ich lasse die 500 $ toppen, dann mal sehen. TSLA kann ein wildes Biest sein, gegen den Hype zu shorten kann teuer werden. Das will ich nicht wiederholen.
Meine jetzige Aufstellung:
Privates Depot: 2000 Call NVDA (193 $ Juni 26), 500 Put TSLA (460 $ April 26)
Geschäftliches EinTrickPony-Depot: 100 ORCL, 200 CRWV, 100 NOVO, 100 NFLX
Disclaimer: Keine Finanzberatung – nur mein öffentliches Trading-Journal.